Stille

Autor mit Palm Vx

Diesen Newsletter habe ich jetzt vor einer gefühlten Ewigkeit angekündigt. Aber der erste Brief kommt erst jetzt – einfach, weil ich die nötig Stille im Kopf nicht gefunden haben, um den Text wirklich zu schreiben. Das passt aber auch, denn genau darum geht es hier:

Ich schreibe diesen Newsletter auf einer Olympia-Schreibmaschine, aber eigentlich hat es ganz anders angefangen: 2002 sitze ich in der U-Bahn in Hamburg und schreibe auf meinem Palm-Organizer. Den Vormittag habe ich in der Schule verbracht. Ich schreibe nicht, weil es eine Hausaufgabe ist, weil ich irgendeinen Text produzieren will oder weil ich Autor sein will. Ich schreibe nur für mich, ich schreibe Tagebuch, ich schreibe Journal. Ich liebe diese Momente. Es sind kleine stille Momente, wenn ich das Gerät einschalte, das nicht viel mehr kann, als Notizen zu speichern und mit dem ich in eine magische Welt abtauche, die sich im Alltag öffnet und die größer ist als er selbst.

Wenn ich dann nach Hause komme, ist es mit der Stille vorbei. Da sind keine anderen Menschen wie in der U-Bahn, aber da ist mein Windows ’95, den ich einschalte, mit dem Modem verbinde und ICQ öffne. Ein Chat-Programm, das so ungefähr funktioniert wie heute Signal oder Whats App. Nur dass ich es eben nur zu Hause ans Internet anschließen kann und nicht unterwegs. Es ist eigentlich lächerlich: Ich sitze zu Hause und chatte mit den Menschen, neben denen ich am Vormittag in der Schule sitze. Ich schreibe eine Nachricht – ich bin verliebt und verzweifelt, mit coolen Menschen den Abend zu verbringen – und ich warte auf eine Antwort. Bei Messengern warte ich eigentlich immer auf eine Antwort – auch heute noch. Das warten ist grauenhaft. Wenn ich anrufen würde, hätte ich sofort eine Antwort. Aber das Telefon ist ja nicht mehr angeschlossen, seit ich das Modem eingesteckt habe.

Ich sitze also mit meinem Palm in der Hand in der U-Bahn und genieße diese Stille und diese Magie, die das Schreiben bedeutet. Und dann denke ich: Irgendwann wird es ICQ auf dem Palm geben und dann ist es vorbei damit. Vorbei mit dieser Stille. Dann werde ich in jedem einzelnen Moment auf eine Antwort warten, mich fragen, ob ich mich in meiner Nachricht irgendwie im Ton vergriffen habe, ob es zu heftig war, mir peinlich sein sollte – ob die Person auf der anderen Seite sauer auf mich sein könnte.

Es ist schon lange vorbei mit dieser Stille. Und paradoxerweise habe ich das Stück Cutting-Edge-Technologie, das der Palm in den 00er Jahren war, jetzt gegen etwas getauscht, dass vorsintflutlich wirkt, das aber den gleichen Effekt hat: Meine Olympia Schreibmaschine. Sie ist das Gegenteil von still: Das Tippen ist so laut, dass ich allein im Zimmer sein muss und mich frage, ob die Nachbar*innen sich irgendwann beschweren. Das Teil nimmt ein Drittel meines Schreibtisches ein, riecht nach Öl und braucht eine Abdeckung, weil jede einzelne Schraube, jede Taste und jeder dieser Haken, von denen ich nicht genau weiß, was sie in dem mechanischen Gerät eigentlich machen, Staub sammelt. Aber die Maschine nimmt meine gesamte Aufmerksamkeit ein. Während die Buchstaben auf das Papier hämmern und noch nicht mal eine Katze zwischen mir und den Tasten Platz hat, breitet sich in meinem Kopf diese Stille aus.

Die Olympia ist schon bei ihrer Produktion keine Cutting-Edge-Technologie mehr gewesen, eher am Ende ihrer Evolution. Vielleicht wäre sie in den 1920ern ganz weit vorne gewesen. Für die 2020er ist sie jedenfalls ideal. Und passenderweise gibt es sogar einen Trend für ablenkungsfreie Schreibgeräte, die zu sehr großen Preisen auf Webseiten von kleinen Firmen angeboten werden. Digitale Schreibmaschinen mit minimalen Funktionen, eine Kreuzung aus Palm und Olympia. Sie sind kleiner und handlicher als eine Schreibmaschine, aber sie lassen eben auch mehr Platz für einen Bildschirm neben sich. Und der würde die Stille im Kopf wieder unterbrechen. Insofern ist die Olympia ablenkungsfreie Cutting-Edge-Technologie. Die Olympia ist mein Palm.

Tastatur einer Olympia Schreibmaschine

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