Die erste Kirche, die ich betrete, nachdem ich aus der Kirche ausgetreten bin, betrete ich mit einen Date.
Ich treffe A. an einem sonnigen Tag in Mitte. Wir spazieren von der Bernauer Straße durch den Weinberg-Park, auf dessen Wegen Pappelschnee liegt, und gelangen an die Zionskirche. Während wir das Gebäude unter den starken Sonnenstrahlen einmal umrunden, frage ich A., ob sie religiös sei. Sie antwortet, wenn überhaupt, sei sie Buddhistin. Sie habe sogar eine tägliche Praxis in Meditation und erzählt mir von dem langen Kurs, den sie dafür besucht habe.
Mich fasziniert es, wenn erwachsene Menschen sich in Ideen und Praxen vertiefen, die vielleicht keine Religionen im christlichen Sinne sind, aber abgeschlossene spirituelle Modelle mit einer Haltung zur Welt beinhalten. Menschen, die fixe Ideen mit sich tragen, die Konsequenzen für sie haben. Ich kenne nur noch eine weitere Person, die sich als Buddhist bezeichnet: Einen ehemaligen Schüler aus einem Deutsch-als-Fremdsprache-Kurs, den ich unterrichtet habe. Er war Philosoph, ging leidenschaftlich gerne auf Techno-Parties und hatte uns in einem Referat im Unterricht Kurs sogar die Struktur des Technos erklärt. Er sei Buddhist geworden, sagte er, weil er verstanden habe, dass Hegel — und mit ihm die gesamte westliche Philosophie — den Körper vernachlässigt hätten.
Während A. und ich die Zionskirche betreten, muss ich noch einmal an diese eigenartig einleuchtende Kombination von Hegel, Techno und Buddhismus denken. Durch das offene Portal schlägt uns eine angenehme Kühle und eine Luft entgegen, die nach Zement riecht. Wir nehmen unsere Sonnenbrillen im Innenraum ab: Das gesamte Hauptschiff ist eingerüstet und mit Folie abgedeckt. Nur der Altar und das Kreuz darüber sind offen. Wenn Kirchen Orte des Zusammentreffens und der Anbetung sind, dann ist mir völlig unklar, was der Unterschied zu einem Museum ist.
Ich mache den Witz, dass das auch gut eine Ausstellung sein könnte, wenn man nicht wüsste, dass hier gebaut wird. Aber eigentlich ist es kein Witz: Dieser Raum in seiner Rohheit mit diesen abschließenden Folien berührt mich, wie mich lange kein Kirchenraum mehr berührt hat. Vielleicht ist es der provisorische Charakter. Die Vorstellung, dass dort etwas abgedeckt ist, das noch gar nicht da ist, das sich im Werden befindet. Und auch wenn ich es besser weiß, stelle ich mir ein Werden vor, dass den Raum ganz anders gestaltet. Nicht restauriert, sondern in einen Ort verwandelt, an dem man fremde Menschen kennenlernt und ihre Geschichten und Ideen hört. Sich nahe kommt, ohne dass daraus etwas anderes folgen müsste als die Nähe, die hier unter diesen Folien entsteht.
Ich habe mich nie so sehr von Ideen einnehmen lassen, dass sie mein Leben verändern. Nicht der Kircheneintritt, der am Ende zum Austritt geführt hat, keine große Ideologie und auch kein Extremsport oder eine Leidenschaft, die mich komplett hätten einnehmen können. Da war immer eine große Skepsis, Ideen in mein Leben zu lassen und ihnen Macht über mich zu geben. Die Skepsis ist natürlich berechtigt, aber hier, in dieser abgedeckten Kirche, während die Folien leise in einem kaum spürbaren Zug rascheln, spüre ich auch eine Trauer darum, selbst nie in einer großen Idee oder sogar Religion aufgegangen zu sein.
Während A. und ich zurück Richtung Bernauer Straße gehen, erzählt sie mir, dass sie lange in der sexpositiven Szene unterwegs war und dass die Erfahrung, Räume zu teilen, in denen Begehren nach anderen Regeln funktioniert als sonst, maßgeblich zu ihrer Selbstbewusstseinsbildung beigetragen habe. Sie erzählt, dass die Räume anders funktioniert hätten, dass Macht als Spiel zwar sehr präsent gewesen sei, aber die Anerkennungsstrukturen des Patriarchats ein Stück weit ausgehebelt waren. Sie erzählt, dass diese geteilte Begehren auch etwas Therapeutisches an sich habe.
Als wir zufällig auf einen Flohmarkt mitten in einem Wohnblock kommen, sprechen wir über unsere Familien, wo wir herkommen und was uns sonst noch geprägt hat. Wir heben Dinge von Decken auf, die aus Haushalten stammen, die wir nicht kennen, und das Gespräch, das wir dabei führen, wirkt intimer als die meisten Gespräche, die ich sonst führe.
Als A. und ich uns verabschieden, wird mir klar, dass wir uns nicht wieder sehen werden. Aber was bedeutet das schon, nachdem wir uns in den letzten zwei Stunden näher gekommen sind, als ich manchen Personen nahe gekommen bin, die ich seit Jahren kenne. Wir umarmen uns und halten in dieser Umarmung inne, wie man plötzlich innehält, wenn man nur noch dem anderen Körper nachspürt.
Auf dem Weg nach Hause denke ich über die Kirche nach. Es ist fast ein bisschen traurig, dass Kirchen Kirchen sind, dass es christliche Räume sind. Denn an diesem Tag, bei diesem Date hat die Kirche einer viel schöneren Begegnung gedient, als ein Gottesdienst es für mich je getan hätte.
