Autor: wordpress_administrator

  • Die Wahrheit im Morgenlicht

    Die Wahrheit im Morgenlicht

    Ich frage mich oft, ob es eine größere Wahrheit gibt, mit der der Gegenwart beizukommen ist. Irgendetwas, das die Dinge zusammenhalten könnte.

    Neben uns am Tisch erzählt eine Frau, die mir etwa 10 Jahre jünger vorkommt als wir, einer Freundin vom Kauf eines Hochzeitskleids. Ich verstehe nur Fetzen, kann noch nicht mal nachvollziehen, wer eigentlich wen heiratet. Auf ihrer Jutetasche steht: „I want you in my bed“.

    Während L. und ich Haferlatte und Avocadotoasts bekommen, betritt eine Gruppe, die nach BWL und Ingenieur*innen aussieht, das Kreuzberger Café: Daunenwesten, dicke Metallarmbanduhren, schwarze Mäntel wie aus der Mall, Blusen und Hemden, Stiefel, schmale Brillen mit dünnen Metallfassungen, die allerdings kein vergangenes Jahrzent zitieren, die einfach sie selbst sind.

    Schräg gegenüber sitzt ein Paar, ein Mann, dem ich direkt ins Gesicht sehen kann, und mit dem Rücken zu mir eine Person, die ich als Frau lese und die deutlich älter wirkt als er. Sie trägt einen Laibach-Beanie über ihrem dunklen Haar. Sein Haar ist kurz, zu kurz, um eine Frisur zu haben, zu lang, um die Frisur Buzzcut zu nennen. Seine Kleidung ist wie sein Haar: Ein dunkelgrüner Sweater, eine schwarze Skater-Chinos, Sneaker. Nicht eng, nicht weit. Er sieht so aus, wie ein Mann, der sich an einem Morgen Mitte der 90er-Jahre angezogen hat, dabei keinen Gedanken zu viel verschwendet hat — und die Sachen dann nie wieder abgelegt hat.

    Ich halte die beiden automatisch für älter als uns. Vielleicht weil ich sie älter einschätze oder vielleicht weil er diese männliche Reglosigkeit ausstrahlt, die darin besteht, dass man ihm keine Emotionen ansieht — nur eine gravitätische Ernsthaftigkeit, die genau so gut eine Leere bedeuten könnte.
    Das beiden wirken L. und mir gar nicht so unähnlich. Wahrscheinlich wohnen sie in der Gegend, vielleicht machen sie etwas Kreatives. So wie wir. Trotzdem erscheinen sie mir älter.

    Als die Frau mit dem Laibach-Beanie aufsteht und ins Bad geht, blickt der Mann mit dem kurzen Haar sich um. Sein Blick bleibt an einem Bücherbord hängen. Er steht auf und nimmt dabei in einer fließenden Bewegung ein Buch heraus, setzt sich wieder und beginnt zu blättern. Ich frage mich, was er liest, kann das Cover aber nicht erkennen. Bevor die Frau wiederkommt, nimmt er es hoch und stellt es weg. Es ist „Die Wahrheit im Morgenlicht“ von Ernest Hemingway.

    Er kann unmöglich mehr als ein paar Sätze gelesen haben. Und ich frage mich, ob er Hemingway so gut kennt, dass er nur sehen wollte, ob das Innere des Buches auf den ersten Blick auch dem entspricht, was er erwartet hat. Oder ob er einfach diese Bücher gesehen hat, diese kleinen Quader, die Bedeutung ausstrahlen. Ob er dann zum ersten Namen gegriffen hat, mit dem er etwas anfangen konnte, ein Name auf einem Buch, der ein Nachdenken über eine Welt hinaus verspricht, die sich um Haferlattes und Avocadotoasts dreht.

    Ich meine das gar nicht sarkastisch. Ich meine es ernst. Ein Freund von mir hat mir von der Theorie erzählt, dass es in der modernen Welt drei große Erzählungen gibt, nach denen die Menschen streben: Liebe, Kunst und Religion. Wenn das stimmt, dann sind Bücher per se sprituelle Objekte. Kleine Gegenstände, in denen sich Kunst befindet. Eine gemachte Sprache, die wir wie eine Welt betreten können. Die uns verändert zurücklässt und oft genug die Kraft und die Lust gibt, alles weitere zu genießen oder zu ertragen und weiterzuleben mit dem Gefühl von Sinn.

    Hemingway habe ich ehrlicherweise noch nie gelesen und möchte das unbedingt nachholen. Die Geste, diesen Griff nach dem Buch im Alltag, kenne ich aber. Ich greife 80 mal am Tag nach meinem Handy, ohne dass es mir allzuviel bedeutet. Aber jedes Mal, wenn ich nach einem Buch greife, auch wenn es zu kurz ist, um mehr als drei unzusammenhängende Sätze auf unterschiedlichen Seiten zu lesen, fühlt sich das bedeutsamer an, als jede Aktivierung meines Handy.

    Mir scheinen überhaupt alle diese Formen der großen Erzählungen in diesem Moment, hier im Café, versammelt. Als wäre das hier kein Café, sondern eine ökumenische Einrichtung der Gegenwart, in der wir uns treffen: Die, die nach Kunst suchen, diejenigen, die die große Liebe mit Hochzeiten besiegeln, die Menschen, die ihren ökonomischen Erfolg mit Armbanduhren zeigen. Nur die Religion scheint zu fehlen. Oder ist das Christentum in der Hochzeit enthalten?

    Bevor wir das Café verlassen, suche ich auf meinem Handy nach dem Buchtitel: Es ist ein nicht-fiktionales Werk über eine Safari von Hemingway. Im Wikipedia-Eintrag kniet der Autor mit Gewehr über einem erschossenen Gnu. Jetzt bin ich froh, dass ich Heimingway nie gelesen habe. Ich möchte das auch nicht nacholen. Und ich frage mich, ob das die Wahrheit sein kann, nach der der Mann im grünen 90er-Jahre Sweater gesucht hat.

  • Stille

    Stille

    Diesen Newsletter habe ich jetzt vor einer gefühlten Ewigkeit angekündigt. Aber der erste Brief kommt erst jetzt – einfach, weil ich die nötig Stille im Kopf nicht gefunden haben, um den Text wirklich zu schreiben. Das passt aber auch, denn genau darum geht es hier:

    Ich schreibe diesen Newsletter auf einer Olympia-Schreibmaschine, aber eigentlich hat es ganz anders angefangen: 2002 sitze ich in der U-Bahn in Hamburg und schreibe auf meinem Palm-Organizer. Den Vormittag habe ich in der Schule verbracht. Ich schreibe nicht, weil es eine Hausaufgabe ist, weil ich irgendeinen Text produzieren will oder weil ich Autor sein will. Ich schreibe nur für mich, ich schreibe Tagebuch, ich schreibe Journal. Ich liebe diese Momente. Es sind kleine stille Momente, wenn ich das Gerät einschalte, das nicht viel mehr kann, als Notizen zu speichern und mit dem ich in eine magische Welt abtauche, die sich im Alltag öffnet und die größer ist als er selbst.

    Wenn ich dann nach Hause komme, ist es mit der Stille vorbei. Da sind keine anderen Menschen wie in der U-Bahn, aber da ist mein Windows ’95, den ich einschalte, mit dem Modem verbinde und ICQ öffne. Ein Chat-Programm, das so ungefähr funktioniert wie heute Signal oder Whats App. Nur dass ich es eben nur zu Hause ans Internet anschließen kann und nicht unterwegs. Es ist eigentlich lächerlich: Ich sitze zu Hause und chatte mit den Menschen, neben denen ich am Vormittag in der Schule sitze. Ich schreibe eine Nachricht – ich bin verliebt und verzweifelt, mit coolen Menschen den Abend zu verbringen – und ich warte auf eine Antwort. Bei Messengern warte ich eigentlich immer auf eine Antwort – auch heute noch. Das warten ist grauenhaft. Wenn ich anrufen würde, hätte ich sofort eine Antwort. Aber das Telefon ist ja nicht mehr angeschlossen, seit ich das Modem eingesteckt habe.

    Ich sitze also mit meinem Palm in der Hand in der U-Bahn und genieße diese Stille und diese Magie, die das Schreiben bedeutet. Und dann denke ich: Irgendwann wird es ICQ auf dem Palm geben und dann ist es vorbei damit. Vorbei mit dieser Stille. Dann werde ich in jedem einzelnen Moment auf eine Antwort warten, mich fragen, ob ich mich in meiner Nachricht irgendwie im Ton vergriffen habe, ob es zu heftig war, mir peinlich sein sollte – ob die Person auf der anderen Seite sauer auf mich sein könnte.

    Es ist schon lange vorbei mit dieser Stille. Und paradoxerweise habe ich das Stück Cutting-Edge-Technologie, das der Palm in den 00er Jahren war, jetzt gegen etwas getauscht, dass vorsintflutlich wirkt, das aber den gleichen Effekt hat: Meine Olympia Schreibmaschine. Sie ist das Gegenteil von still: Das Tippen ist so laut, dass ich allein im Zimmer sein muss und mich frage, ob die Nachbar*innen sich irgendwann beschweren. Das Teil nimmt ein Drittel meines Schreibtisches ein, riecht nach Öl und braucht eine Abdeckung, weil jede einzelne Schraube, jede Taste und jeder dieser Haken, von denen ich nicht genau weiß, was sie in dem mechanischen Gerät eigentlich machen, Staub sammelt. Aber die Maschine nimmt meine gesamte Aufmerksamkeit ein. Während die Buchstaben auf das Papier hämmern und noch nicht mal eine Katze zwischen mir und den Tasten Platz hat, breitet sich in meinem Kopf diese Stille aus.

    Die Olympia ist schon bei ihrer Produktion keine Cutting-Edge-Technologie mehr gewesen, eher am Ende ihrer Evolution. Vielleicht wäre sie in den 1920ern ganz weit vorne gewesen. Für die 2020er ist sie jedenfalls ideal. Und passenderweise gibt es sogar einen Trend für ablenkungsfreie Schreibgeräte, die zu sehr großen Preisen auf Webseiten von kleinen Firmen angeboten werden. Digitale Schreibmaschinen mit minimalen Funktionen, eine Kreuzung aus Palm und Olympia. Sie sind kleiner und handlicher als eine Schreibmaschine, aber sie lassen eben auch mehr Platz für einen Bildschirm neben sich. Und der würde die Stille im Kopf wieder unterbrechen. Insofern ist die Olympia ablenkungsfreie Cutting-Edge-Technologie. Die Olympia ist mein Palm.